Willichen

Willichen war an diesem Abend nicht mehr zu seiner Mutter gegangen, sondern machte es sich in dem Wohnzimmer bequem. Sigrid, die im Sessel weiter in ihrem Buch las, es war eine leichte Lektüre, schaute in dem Moment hoch, als Willi gerade damit beschäftigt war, seine Schuhe, ohne sie vorher zu öffnen, ohne sich zu bücken, von den Füssen streifte. Wohlerzogen, werden Sie jetzt neidisch denken , doch er stellte diese nicht nach draussen in die Diele, nein, neben den Sessel. Zog die Jacke aus, hängte sie über den Stuhl in der gegenüber sich befindenden Essecke (genau in Sigrids Blickfeld). Pflichtbewusst zog er seine am Vorabend von Sigrid sorgfältig gebügelte Hose aus (sonst meckert sie ja wieder, dass die Hose kraus wird) schmiss sie auf die Lehne des Sofas (genau in Sigrids Blickfeld), dann liess er sich, bekleidet mit Oberhemd, Unterhose und Socken, auf diesem seufzend nieder (genau in Sigrids Blickfeld). Noch einmal bäumte er sich kurz auf, um die Wolldecke über den Slip und sein wohlgeformtes Bäuchlein zu ziehen. Seine muskulösen Fussballbeine – er hatte in der Jugend in einem Verein gespielt – schossen in die Höhe, um die Füsse in der Decke einzuwickeln. „Danke, dass du mir den köstlichen Anblick, nur in Strümpfe, Unterhose und Oberhemd, weiterhin erspart hast. Es sieht wirklich lächerlich aus, wenn das Oberhemd ohne von der Hose an den Leib gedrückt zu werden, absteht, als sei der Mann im siebten Monat schwanger. Kann er nicht seine Freizeitjeans überziehen? Ich gebe mir doch auch Mühe, sogar noch abends, für ihn nicht wie eine Schlampe auszusehen. Aber ich sollte nicht immer so kleinlich sein, denn ändern kann man keinen Mann und schon gar nicht mehr in dem Alter.„Sigrids Gedanken wurden unterbrochen. „Häschen", schallte es vom Sofa herüber, „hast du schon in die Fernsehzeitung geschaut?

Was gibt es heute?" Ganz verwundert, daß er Häschen sagte, und ihr überliess, das heutige Fernsehprogramm auszuwählen, bat sie ihn, die Fernsehzeitung herüber zu reichen. Hegte er vielleicht den Wunsch nach einem „wunderschönen gemütlichen Abend„ mit ihr? Aber es war doch erst Halb- und noch lange kein Vollmond! Kaum hatte Sigrid das Heft aufgeschlagen, fragte er ungeduldig: „Was möchtest du sehen?„ Sigrid blätterte voller Freude, endlich einmal eine Sendung ihrer Wahl sehen zu können, die Seiten der Fernsehzeitung um und geschwind schlug sie vor: „Drei Sendungen wären interessant. Die erste ist eine Beziehungsgeschichte...„ „Ist doch blöd!" „Die zweite handelt von..." „Kenn ich doch schon!" Jetzt kam Sigrids letzte Chance und sie trumpfte auf: „Das andere ist eine Talkshow mit Politikern, Schauspielern und Fußballern." Die Fußballer hatte sie vorsichtshalber dazu gelogen, weil sie sonst keine Chance für sich sah, denn Talkshows mochte er auch nicht besonders. Es sei denn, es wurde über Fußball gesprochen. Umsonst! Sigrids Notlüge war nicht bei ihm angekommen. „Ach, laß uns man lieber den Western sehen, der müüsste auf VOX kommen", meinte ihr Hatzi mit der Fernbedienung in der Hand und den Finger schon am Abzug. Auf den Anfang musste Sigrid allerdings etwas warten, weil er „nur kurz„ einmal durchschalten wollte. Achtundzwanzig mal rauf und achtundzwanzig mal runter. Dann startete er durch, und sie hatten Westerntime! Sigrid lehnte sich im Sessel zurück und versuchte Gefallen an den plündernden und wild um sich schiessenden Banditen zu finden.

Aber es gelang ihr nicht so recht, ihr Blick schweifte durch den Raum und landete genau in dem Augenblick bei ihrem Hatzi, als er die Socken auszog und sie gezielt in die andere Ecke des Sofas schmiss, die bisher ganz verwaist ausgesehen hatte. „Sigrid, wegsehen und nichts sagen, das hast du doch wohl langsam gelernt."Sie strich mit der rechten Hand ihre Haare nach hinten, als wollte sie weitere aufkommende Gedanken verscheuchen. Aber jedes einzelne Härchen fibrierte auf ihrem Kopf und deshalb versuchte sie, mit beiden Händen kraftvoll die Kopfhaut zu massieren. „Mach es wie die drei Affen, nichts sehen, nichts sagen und nichts hören." Aber das waren d r e i Affen! Nun legte Hatzi sich entspannt zurück, und nach kurzer Zeit vernahm Sigrid ein gleichmässiges, leises Atmen. Wie schön, er war geistig weggetreten, und sie sah ihre Zeit gekommen. Leise beugte sie sich über den Couchtisch, nahm vorsichtig, ohne Geräusche zu machen, die Fernbedienung, kauerte sich wieder in ihren Sessel, wartete einen kleinen Augenblick, aber dann, dann schaltete sie triumphierend auf das dritte Programm um. Endlich konnte sie ihre Talkshow sehen. Bevor Sigrid sich dem Rausch ihres Sieges hingeben konnte, schnarchte Hatzi einmal kurz auf, hüstelte, schon war er wach. „Häschen, warum hast du umgeschaltet?" „Weil du geschlafen hast", meinte Sigrid enttäuscht und fügte schnell hinzu, "nach deinem anstrengenden Tag." „Ich hab doch nicht geschlafen!!„ Auch gut! Und der Western ging weiter... Nun wurde der Film richtig traurig.

Eine Farmersfrau wird zur Witwe, ihre zwei Jungen zu Halbwaisen, und die Rinder laufen herrenlos herum. Jetzt wird auch noch der arme Hund erschossen. Die Banditen stossen Wonneschreie aus und ziehen sich unentschuldigt zurück. Verzweifelt wirft sich die Frau über ihren toten Mann, die Kinder heulend über den alle Viere von sich streckenden Hund. Das spärlich wachsende Gras färbt sich ringsum blutrot. Der Film war noch nicht zu Ende, es folgte die Reklame... Der Hund (nicht der aus dem Western) bekommt „Klappi", weil`s ihm so gut schmeckt, und damit e r ein Prachtkerl wird. Sigrid nahm sofort den Gedanken auf. Sollte sie dieses Wundermittel vielleicht in ihrem Speiseplan einbeziehen? Der Western ging weiter. Doch zur Erinnerung wurde der Film noch einmal kurz zurückgespult, bis zu der Stelle, wo die Frau sich über ihren toten Mann wirft und die Kinder über den grossen, blutüberströmten, toten Hund. Plötzlich springen die Jungen auf, Verzweiflung steht in ihren Gesichtern, reissen die Mutter an sich, einer von links, einer von rechts, sprechen ein Gebet für den Vater, schauen zum Himmel und rufen beide gleichzeitig, wie aus einem Munde: „Vater, wir rächen dich!" Wieder kam Sigrid ins Grübeln. Dieser Film forderte zum Nachdenken. Welchen Vater meinten die, den im Himmel oder den auf der Erde? Das Telefon klingelte.