Urlaub

Und doch habe ich es immer wieder geschafft...

Ein wenig müde war ich schon, als ich das Hotel „Buenaventura“ in Playa del Inglesbetrat und mich freudig der Rezeption näherte, weil dort kein Andrang herrschte. Bei herrlichem Sonnenschein war ich am Mittag in Las Palmas, auf den Canaren, gelandet und hatte mir ein Taxi genommen. Somit war ich dem Gedränge entgangen, das entsteht, wenn man sich mit dem Bus der Reisegesellschaft an Ort und Stelle bringen lässt.

Meinen Kleidersack und die Reisetasche liess ich auf die Erde plumpsen, damit der geschäftig
hin und her rennende Herr an der Rezeption mich endlich wahrnahm.Inzwischen kramte ich die Papiere hervor und überreichte sie dem nun vor mir stehenden gut aussehenden Herrn. Dieser schaute rechts in einen Computer und tippte an dem anderen Computer herum, der etwas links davon entfernt stand. Er übergab mir eine Chipkarte, die mit einem Code versehen war und einen Tresorschlüssel , der einem Bolzen ähnelte.

Also, nun war ich nicht mehr obdachlos, ich durfte das Zimmer 247 bewohnen. Jetzt war nur noch eines wichtig, ich musste ein Konto eröffnen. So begab ich mich an den Schalter, der sich links neben der Rezeption befand.
Durch einen kleinen Schlitz schob ich meine Chipkarte und DM 100,-- einem stolz aussehenden Spanier entgegen, der sich in einem Glaskasten aufhielt. Das Geld sollte er auf meiner Chipkarte speichern, dann konnte ich bargeldlos telefonieren oder Getränke bestellen. Er zog die Karte und das Geld zu sich heran, steckte die Karte in den Computer und durch eine kleine Öffnung hörte ich ihn sagen: „Aschenbrenner.“

Ich verstand Aschenbecher. Nun, das war mir neu, dass man hier am Schalter fragte, ob ich einen Aschenbecher benötige.
Die sind doch meistens schon im Zimmer. Da er mir die Verblüffung ansah, fragte er etwas un-
wirsch, so, als ob ich ihm die Zeit stehlen würde, die er zur Siesta nutzen wollte:

„Nombre, Name!“
„Ah, gut, mein Name ist Graune.“
„ Aber hier steht „Aschenbrenner“, erwiderte er und sah mich misstrauisch an.Was will der Kerl eigentlich. Ich will doch kein Geld abheben, ich will einzahlen. Der soll jetzt mal endlich nachdenken, wer wohl so blöd ist und „hier“ Geld auf ein fremdes Konto einzahlt. Jetzt hatte er begriffen, ich war nicht Frau „Aschenbrenner“, ich war Frau Graune.
Aber damit war das Problem scheinbar noch nicht gelöst. Er ging zu dem Herrn an der Rezeption, damit dieser meine Chipkarte auf den richtigen Namen codiert. Also Karte in den Computer und hier tippen und da tippen aber nichts ging mehr.

„Der Computer ist leider im Moment defekt“, teilte er mir mit und schrieb mit einem dicken Filzstift ein paar Nummern auf meine Karte.

"Wieso,"überlegte ich, "funktioniert gerade bei dem Namen „Graune“ das ganze System nicht mehr. Enthält dieser Name vielleicht einen Virus?"

War mir nun auch egal, ich wollte endlich auf mein Zimmer.Stolz nun alles erledigt zu haben, machte ich mich auf den Weg, steckte die Chipkarte in den Schlitz an der Tür, sie öffnete sich und selig sank ich in einen Sessel, und rauchte genüsslich meine wohlverdiente Zigarette.

Nach kurzer Erholungspause machte sich meine Blase bemerkbar und so rücksichtsvoll wie ich nun einmal bin, tat ich ihr den Gefallen sich auf der Toilette zu entleeren.

Das Licht ging nicht an! Da fiel mir ein, die Chipkarte muss in einen Kasten gesteckt werden, der sich neben der Tür befindet, damit der Stromkreis sich schliesst. Karte war drin, aber Licht ging noch nicht an. Ziehe Karte wieder heraus, schaue sie mir genau an, stelle fest, die Zahlen die mit
Filzstift darauf geschrieben worden sind, waren unlesbar verwischt.

Natürlich, nun ist mir alles klar! Wie soll der Kasten die verschmierten Zahlen lesen können, die sonst mit dem Computer ordentlich darauf codiert sind. Langsam werde ich ungeduldig, es wird mir alles zu viel. Endlich möchte ich in die Sonne und ausserdem brauche ich jetzt einen guten, starken Kaffee.

Wieder mache ich mich auf den Weg zur Rezeption, erkläre den Sachverhalt. Der gutaussehende Herr hat keine Lust grosse Reden zu schwingen, sondern fährt mit mir im Fahrstuhl in die zweite Etage, und wir eilen in Richtung Zimmer 247, in dem ich Asyl gefunden habe.

Wortlos nimmt er mir die Karte aus der Hand, steckt sie in den Schlitz, Tür öffnet sich, steckt sie in den Stromkasten, Licht geht nicht, drückt auf den Schalter, Licht geht an.

Oh, wie peinlich! „Gracias“, murmele ich nur leise vor mich hin und schaue ihm dabei nicht in die Augen. Nun brauche ich aber wirklich einen Kaffee. Also gehe ich an den Pool, nehme an einem der dort stehenden Tische platz, bestelle mir „un Cafe solo“ und versuche mich zu entspannen.

Irgendwie kommt in mir das Gefühl hoch, dass ich stolz darauf sein kann, bisher noch keinen Nervenzusammenbruch erlitten zu haben, bei den Pannen, denen ich heute schon ausgesetzt war. Wieder in meinem Zimmer angekommen, mache ich mich daran, meine Garderobe in den Schrank zu hängen. Da fällt mir ein, das Wichtigste ist, erst die Wertsachen in den Tresor zu
bringen. Ich öffne den Tresor, lege Papiere, Geld und Schmuck hinein, stecke den Bolzen in das Loch, das sich oben auf dem Türrand befindet, ziehe ihn wieder heraus, drücke die Tür an und codiere den Tresor. Aber komisch, die Tür lässt sich nicht verschliessen.

Ob der Tresor wohl etwas gegen das Geburtsdatum meines Mannes hat? Aber was konnte das mit dem Verstorbenen zu tun haben? Nun sehe ich, dass ein winzig kleines Stückchen aus dem Zahlenschloss herausgebrochen ist. Also was soll es, Siegrun bleib ruhig, da muss ein Fachmann ran! Ich wieder runter zu der Rezeption, erzähle den Sachverhalt und bekomme den Hinweis auf meinem Zimmer zu bleiben, in zehn Minuten käme jemand, der sich das ansehen würde.

Zehn Minuten, noch mal zehn Minuten und nach dreissig Minuten kommt ein Herr in einem blauen Overall, der einen Werkzeugkoffer bei sich trägt. Ich rede und rede, er sagt keinen Ton, nimmt mir den Bolzen aus der Hand, steckt ihn in den oberen Rand der Tür (genau so habe ich es doch auch gemacht oder?) lässt ihn dort, codiert den Tresor und die Tür ist und bleibt zu. Wer kann das denn auch wissen, dass der Bolzen drin bleiben muß!

Nun ist endlich Abendbrotzeit, aber ich würde am liebsten auf meinem Zimmer bleiben, denn der Tag war nicht so gelaufen, wie ich es mir ausgemalt hatte. Mein Selbstbewusstsein war gänzlich verschwunden.

Noch einmal nehme ich allen Mut zusammen und schreite erhobenen Hauptes durch den Speisesaal und suche mir einen Platz in der Raucherzone.
Natürlich ist der am anderen Ende des Speisesaales. Der Duft des warmen Büffettes lockt mich und so ziehe ich los, um mich erst einmal mit einem Teller zu bewaffnen... Doch, wenn ich zugreifen will, ob von vorn, von rechts oder von links, immer ist eine andere Hand schneller als ich. Wie komme ich, ohne unhöflich zu sein, an einen Teller? Ich erprobe eine neue Technik. Ich ducke mich, lasse meine Hand von unten hochschnellen und schwups habe ich den gewünschten Teller in der Hand.

Das Auszuwählen der Speisen war zwar auch nicht einfach, aber ich erhebe mich gesättigt, um de rBar noch einen kurzen Besuch abzustatten. Dort werde ich einen Gin Tonic zu mir nehmen, ein wenig der Lifemusik lauschen und dann den Tag langsam ausklingen lassen.

Als ich mich in der Mitte des großen Speisesaales befinde, in dem jeden Abend bis zu 720 Personen sich genüsslich am Büffett bedienen, da ist es mir nicht möglich, die Richtung aus zu machen, aus der ich gekommen bin. Normalerweise müsste die Tür von diesem Punkt aus bereits zu sehen sein. Aber es war eben nicht so! Hatten die vielleicht, nur um mich zu ärgern die Tür verhängt? Oder war es möglich, innerhalb einer Stunde an diesem Raum etwas architektonischzu verändern?

Das konnte eigentlich nicht sein, sonst hätten die im Hotelprospekt sicherlich darauf hingewiesen Hilflos stehe ich in dem Raum und beobachte die Leute. Da, an einem der Tische erheben sich mehrere Personen, denen werde ich folgen, egal wo die hingehen. Hauptsache ich komme erst einmal hier heraus. Und siehe da, die gehen links durch eine Tür, die vorher bestimmt noch nicht da gewesen ist, sonst hätte ich sie doch wahrgenommen.

In der folgenden Nacht schlief ich wunderbar und freute mich auf das Schönste vom Tag, nämlich auf das Frühstück. Es ist wohlschmeckend und tut mir gut. Nach der dritten Tasse komme ich zu dem Ergebnis, dass ich nach diesem Urlaub sicherlich eine perfekte Kellnerin abgeben werde. Mit
einem gut bestückten Teller mit Wurst, Käse, Butter und Brötchen,ist es schon ein Kunststück, sich durch die rechts und links und geradeaus auf mich zu eilenden Menschen hindurch zuschlängeln. Mit einer Tasse heissem Kaffee in der Hand ist es gar ein Kunststück. Ungefähr fünf Minuten brauche ich bis zu meinem Platz, der nur ein paar Meter vom Kaffeeautomaten entfernt ist.

Aber ich werde täglich schneller... Nach zwei Tagen überlege ich krampfhaft, was für eine Sprache ich wohl spreche. Ist es englisch, schwedisch, holländisch, sächsisch...Denn auf mein freundliches „Guten Morgen“, „Guten Tag“, erhalte ich nie eine Antwort. Doch am Nachmittag, als ich auf deutsch dem gutaussehenden Herrn an der Rezeption erkläre, dass ich meine Chipkarte verloren habe und er mich sogar versteht, da weiss ich wieder, welche Muttersprache ich beherrsche. Aber vielleicht bin ich doch nicht ganz so perfekt, denn er guckt mich so komisch an. Er tippt wieder auf den Computern herum und heraus kommt eine neue Karte mit dem Namen Graune. Also hat der Computer sich nun auch endlich an meinem Namen gewöhnt.Oder ist der Virus endlich gelöscht?

In der Abendzeit mache ich mich auf die Suche nach einem
Internet-Cafe. Mein Sohn hat mir genau aufgeschrieben, wie ich dort hingelange.

„Wenn du aus dem Hotel kommst...“

Es kann mir also nichts passieren. Ich gehe die Strasse entlang, überquere die nächste, wieder geradeaus und das Internet-Cafe ist immer noch nicht in Sicht. Aber plötzlich stehe ich davor und keiner kann ermessen, wie stolz ich auf mich bin. Meinem Sohn sende ich eine Mail, frage meine Mails ab, schaue in die Runde und stelle mit Erstaunen fest, ich bin eine Oma unter lauter Jugendlichen. Denen habe ich es aber gezeigt!

Als ich wieder auf der Strasse stehe, werde ich ganz kleinlaut, denn ich weiss nicht mehr, war ich von rechts oder von links gekommen. Warum hat der Junge mir denn auch nicht aufgeschrieben, wie ich den Rückweg antreten muß.

Doch plötzlich bin ich mir ganz sicher, von rechts hatte ich mich dem Internet-Cafe genähert. So schreite ich nun, mich schon auf das Abendessen freuend, die Strasse entlang, biege um die nächste Ecke und hier müsste gleich das Hotel sein.

Aber das Hotel ist nicht mehr da!

Entweder haben die den ganzen Stadtteil in der Zwischenzeit umgebaut oder dem Hotel einen anderen Namen gegeben. Meine Füsse schmerzen und Hunger lässt meinen Magen aufmucken und knurrt fürchterlich.

Was nun?

Nur nicht zugeben, dass mir schon wieder ein „kleiner Fehler“ unterlaufen ist. Nehme alle meine fünf Sinne beisammen, stelle mich an den Strassenrand und winke einem herannahenden
Taxi zu, das sich mir sofort nähert. Ganz cool sage ich zu dem Fahrer: „Quiero al hotel Buenaventura, por favor.“ Er dreht und fährt mit mir genau in die entgegenge-
setzte Richtung...

Trotzdem freue ich mich auf den nächsten Urlaub in dem selben Hotel, denn jetzt weiß ich, wo die Türensind. Ansonsten werde ich immer ein Taxi nehmen, auch wenn ich mich
"nur zehn Meter vom Hotel entferne!!!"