Der traumhafte Urlaub

Sigrid fing an zu träumen. Sylt ist eine Delikatesse nicht nur für den Mund, und das Wasser lief ihr unter dem Gaumen zusammen bei dem Gedanken an die Fischbrötchen. Ihre Nase liebte den salzigen Geruch von der Brise des Meeres. Ein Glücksgefühl überkam sie, wenn ihre Ohren das Rauschen des Meeres wahrnahmen, und ihre Augen die ganze Schö,nheit der Insel aufnahmen. Wenn die Herbstsonne auf nackte, weissglänzende Dünen, auf das blassrosa bis violett blü,hende Heidekraut leuchtete, das sich zwischen den Dünen im Sand festkrallte, graugrü,ne Strandgerste die Dünen hochkroch, das war Balsam für jede Seele und machte den streitsü,chtigsten Menschen zum zahmen Lämmchen. Westerland war immer Willi und Sigrids Reiseziel, wenn sie zwischendurch mal eine Woche Urlaub bekamen. Und sie liebten die Insel! Auf der Fahrt dorthin sassen Willi und Sigrid ausgelassen in ihrem Auto auf dem Autoreisezug, der ganz gemü,tlich den Hindenburgdamm entlangtuckerte, eine Verbindung zwischen dem Festland und der Insel Sylt. Sobald der Zug mit quietschenden Bremsen in Westerland einlief, eilten die Bahnbediensteten herbei, öffneten die Gitter und wie fleissige Ameisen krochen die Wagen, einer hinter dem anderen, von dem Autoreisezug. Am Urlaubsziel angekommen, fuhren sie den Wagen in die Tiefgarage und liessen sich mit dem Fahrstuhl in die dritte Etage tragen.

Dort hatten sie ein Apartment gemietet. Willi stellte keuchend die schweren Koffer ab – Sigrid hatte mal wieder den halben Kleiderschrank eingepackt - um die Wohnungstür zu öffnen. Bevor sie eintraten forderte Sigrid mit lustig strahlenden Augen ihren Willi heraus: „Wen mö,chtest du diesmal mit in das Apartment nehmen, deine Frau oder deine Sekretärin?„ Sie lächelte ihn vielsagend an. „Keine Frage!„ antwortete Willi und sein ganzes Gesicht, bis hinter den Ohren leuchtete, und jeder hätte es ihm ansehen können, warum er so gut drauf war. „Natürlich meine Sekretärin„, kam es wie aus der Pistole geschossen aus seinem Mund. „Was soll ich mit meiner Frau im Urlaub? Die hat ständig ihre Wehwehchen und abends Kopfschmerzen, da ziehe ich die Sekretärin, die vormittags mit mir im Büro zusammenarbeitet vor. Die ist modisch gekleidet, hat immer gute Laune, und bei der merke ich nichts von rheumatischen Beschwerden. Sie flitzt von ihrem Schreibtisch zu meinem Telefon, von dort an den Computer. Ich brauche nur zu rufen und schon steht sie mir zur Verfügung.„ „Du alter Macho, das kriegst du zurück„, Sigrid kochte innerlich. Ihre graugrünen Augen funkelten ihn wütend an, doch nach kurzer Überlegung erklärte sie ihm ganz ruhig, das wirkte viel mehr, als wenn sie jetzt einen Wutanfall bekommen hätte: „Dass ich nach dieser Flitzerei im Büro unser Haus und den Garten in Ordnung halten muß, einkaufen, Essen kochen, waschen und dir alles hinterherräume, während du dich auf deinem geliebten Sofa breitmachst, daran denkst du nicht, wenn ich abends mit einem dummen, langen Gesicht die Beine von mir strecke. Im Bü,ro hast du ebenfalls dein Sonntagsgesicht und bist nett und freundlich zu mir.„ Willi machte eine Geste mit der Hand und wollte etwas sagen.

Noch nie war es ihr gelungen, so lange hintereinander reden zu können, ohne dass er sie unterbrach. Doch heute war Sigrid klasse, es sprudelte nur so aus ihr heraus und sie hielt ihm weiter vor: „Im Büro überschüttest du mich laufend mit Lob für meine Arbeit. Das tut mir gut, das brauche ich auch mal. Vielleicht sollten wir die Geschäftsleitung in Hannover bitten, den hinteren Frühstücksraum in der Firma in zwei Räume aufzuteilen, und dann in dem einen ein französisches Bett hineinstellen, so könnten wir vormittags mal verschwinden, wenn d u noch gute Laune hast und ich vom täglichen Einerlei des Haushalts noch nicht erschöpft in der Ecke liege.„ Als Willi merkte, daß er irgend etwas Falsches von sich gegeben hatte, schaute er seine Frau lieb und unschuldsvoll an, das konnte er immer wunderbar. „Hast ja recht!„ meinte er, muckte aber noch einmal kurz auf und gab ihr zu verstehen: „Du wolltest ja bei uns arbeiten.„