Die Streicheleinheiten

Aber da waren sie wieder, ihre Erinnerungen an „Damals„. „Sie kommen, ohne gerufen zu werden, wühlen sich aus der Tiefe meiner Seele und peinigen mich. Sadisten sind das„, Sigrids Verstand rebellierte, aber sie war bereits mittendrin in der Vergangenheit... Da ist meine Mutter, ein mittelgroßes, schlankes, dunkelhaariges und sehr hübsches "Puttchen vom Lande". Das ist sie aber nur in den Augen ihrer Schwiegereltern, denn sie kommt vom Lande und aus einfachen Verhältnissen. Die Eltern meines Vaters dagegen, wohnen in einer wohlhabenden Gegend von Hannover, leisten sich ein Dienstmädchen und fahren einen Mercedes, was in den dreissiger Jahren nicht alltäglich war. Heinz, mein Vater, ist groß und schlank, man könnte sagen er stellt etwas vor. Nur seine Gesichtszüge spiegeln immer einen leicht zynischen Ausdruck wider. In seinem Beruf ist er kein großes Tier, kein kleines Tier, er ist ein Rudeltier im schwarzen Gewand, das sich in der Nazizeit Uniform nennt. Kurz nachdem sich meine Eltern zusammen eine Wohnung in Hannover eingerichtet haben, wird mein Vater in den Krieg eingezogen. Als über Hannover die Bomben wie Blitze vom Himmel zucken, gibt man ihm Urlaub und so versetzt ihn das Schicksal in die glückliche Lage, mitzuerleben wie das Haus in dem wir wohnten, sich in einen Trümmerhaufen verwandelt.

Danach muss er sich wieder an der Front melden, nicht ganz vorn, aber so in der Mitte. Das ist für ihn von Vorteil, denn als der Krieg fast zu Ende ist, kommt er erst mit dem zweiten Gefangenentransport in britische Gefangenschaft. Wir, Mutter und ich, jetzt wohnungslos, beziehen ein Behelfsheim in der Nähe von Hannover, das von der kleinen Gemeinde „Jeder-weiss-von Jedem„ , in der auch meine Oma wohnt, im Schnellverfahren hingestellt worden ist. Vier Kästen aus Zement entstanden in kürzester Zeit auf einer Wiese, mit alten, hübschen Birken entlang eines Wassergrabens, der das Dorf durchfliesst und sich bis in die Feldmark hineinschlängelt. Einen dieser Kästen bewohnen wir, meine Mutter und ich. Vor dem Kästchen befindet sich eine offene Veranda, die zu einem Flürchen führt. Von dort geht es geradeaus in eine klitzekleine Küche, mit einem Kippfenster, das nicht größer ist, als die Sitzfläche eines Stuhles. Rechts vom Flürchen führt eine Tür ins Wohnzimmer, in dem immerhin ein kleines Plüschsofa, ein Sessel, ein kleiner runder Rauchtisch davor, ein Esstisch mit sechs Stühlen (das war das einzige, was uns an die Wohnung in Hannover erinnerte) und ein Wohnzimmerschrank steht, der zur Gemütlichkeit beiträgt. Allerdings müssen wir, um an die unteren Fächer des Schrankes zu gelangen, immer erst den Tisch bis an den gegenüberliegenden Ofen schieben, sonst können wir die Türen des Schrankes nicht öffnen. Vom Wohnzimmer aus geht es weiter rechts in ein Schlafgemach, in dem ein Bett, ein Nachttisch und eine Spiegelkommode stehen.

Das ist das Schlafzimmer für Erwachsene und nebenan, wieder vom Wohnzimmer aus zu erreichen, ist mein Schlafzimmer. Ein altes, schmuckloses Bett und ein schmaler Nachtschrank , der mit weißer Farbe übertüncht ist, damit er nicht ganz so häßlich wirkt, zieren das Zimmer. Wäre der Raum ein paar Zentimeter kleiner, könnte ich mich nur seitlich hineinzwängen. Beide Zimmer haben die gleichen Fenster wie die in der Küche, nur das Wohnzimmerfenster prahlt mit einer größeren Fensterfront, die aber von mächtigen Birkenzweigen verdunkelt wird. Ein Badezimmer ist nicht vorhanden. Aber immerhin besitzen wir eine Toilette, die man bei Regen nur mit einem Schirm erreichen kann, weil wir fast um das ganze Haus herum, manchmal sogar rennen, müssen. Dieser „Ort„ ist ein eineinhalb Quadratmeter großer „Raum„ , in dem sich rechts, an der Wand und am Boden befestigt, ein Holzkasten befindet, schön braun angestrichen, auf dem ich mich setzten kann, wenn ich die Klappe oder besser gesagt den Deckel hochschlage. Die Öffnung in der mein Hintern dann hängt, ist so groß, daß ich befürchte, eines Tages werde ich in den weichen Kot hinein rutschen und er wird mich verschlingen und mich mit dem Zeitungspapier, welches wir an Stelle von Toilettenpapier verwenden, zudecken. Mich wird keiner mehr finden können, dachte ich damals verzweifelt, so ganz verschwunden unter dem Papier und mit vollem Mund hätte ich auch nicht einmal rufen können...

Ich gebe unserem neuen Heim den Namen "Villa Birkenhain". Wir Kinder, alle so im Alter zwischen sieben und elf Jahren, von Haus eins, Haus zwei und Haus drei, sechs insgesamt, haben uns schnell angefreundet und verstehen uns prä,chtig, weil keiner auf den anderen neidisch sein kann. Wir haben alle das gleiche, nämlich n i c h t s . Wie eine kleine Horde schwirren Hans, der Älteste, Ulla, Willi, Horst, Klaus und ich durch die Gegend und haben herausgefunden, dass ein paar Häuser weiter britische Soldaten einquartiert sind. Was Schokolade auf englisch heisst, ist für uns kein Problem herauszufinden. Wir toben vor dem Haus der Soldaten herum und singen: "Hast du Schoklät, hast du Schoklät", bis die Soldaten herauskommen und uns lachend das Heissersehnte geben. Schmeckt das himmlisch! Aber nicht nur die Schokolade lockt uns zu unseren "britischen Freunden", wie wir sie nennen; das Schönste ist, sie spielen mit uns Fussball, Fangball und viele andere kindliche Spiele. Unsere Mütter haben für uns kaum Zeit, sie müssen sich täglich aufs Neue überlegen, wie sie an Lebensmittel kommen, um sich und uns Kinder satt zu kriegen, denn unsere Väter sind im Krieg gefallen oder sitzen in Gefangenschaft. Niemand soll hieraus den Schluss ziehen, dass uns die väterliche Hand zum Züchtigen fehlt, nein, das Gegenteil ist der Fall. Unsere noch jungen Mütter sind überfordert, ohne Mann alles selbst in die Hand nehmen zu müssen. Meine Mutter nimmt täglich einen neuen Kleiderbügel und lässt den bei jeder Kleinigkeit auf meinem Hintern, auf dem Kopf oder wo sie gerade hintrifft, niedersausen. Da bald der Vorrat an Kleiderbügel aufgebraucht ist, es gibt keine zu kaufen, entscheidet sie sich für den Feuerhaken.

Diesmal habe ich die Prügel wirklich verdient (!?), denn ich liess aus Versehen einen Gegenstand aus Porzellan fallen, der in tausend Scherben zerbrochen, keiner Butterdose mehr glich. Sie tobt, weint und schreit: "Kannst du nicht aufpassen, wir kriegen doch keine Neue", und dabei schwingt sie den Feuerhaken im Takt auf und nieder. Manchmal, wenn ich am Sirup nasche, was sie sehr schnell bemerkt, dann nimmt sie nicht den Feuerhaken, sondern ausnahmsweise landet dann nur blitzschnell ihre Hand an meiner Wange. Das sind meine Streicheleinheiten. Trotzdem habe ich meine Mutter sehr gern, denn ich fühle mich schuldig, weil ich meine, für sie nur eine Last zu sein. Wie oft sagt sie mir, dass sie sich nur für mich so abrackert. Nachdem der Feuerhaken wieder im Ofenloch die Glut verteilt, meine Mutter neue Kohle in das Feuer hineinschüttet, erhole ich mich langsam wieder von dem "Arschvoll" und gehe, nur der Rücken schmerzt noch, zu meinen britischen Freunden. Einer gefällt mir besonders, weil er viel Zeit für mich aufbringt und nur mit mir Fussball oder Fangball spielt. "Onkel Bell, meine Mutter für dich" ich zeige mit dem Finger auf ihn, und mit den Händen mache ich eine Geste, die man beim Hemdenwaschen benutzt, und versuche ihm weiter klarzumachen, "Hemden waschen? Du mir geben." Gott sei Dank, er hat mich verstanden, geht ins Haus und kommt mit einem ganzen Arm voller Wäsche wieder, gibt sie mir, drückt mir einen Beutel mit Lebensmitteln und Waschpulver, in die Hand und ich hüpfe voller Freude unserer Villa entgegen. Genau das ist es was ich wollte, denn ich habe bei den grösseren Kindern schon öfter beobachtet, dass sie Oberhemden von den Engländern zum Waschen holen und dafür Naturalien erhalten. Wie aber kann ich meine Mutter davon überzeugen, dass sie Wäsche für einen Engländer waschen soll? Kaum bin ich vor unserer Haustür angelangt, kommt meine Mutter heraus: "Wo hast du die Wäsche her?"

Ich ducke mich hinter meinem Wäschehaufen, den ich mit der linken Hand fest an meine Brust drücke, und reiche ihr mit der rechten Hand den Beutel mit Lebensmitteln und dem Waschpulver. Nun sagt sie nichts mehr, nimmt wortlos die Wäsche an sich und am anderen Tag kann ich die Hemden gewaschen und gebägelt wieder zurückbringen. Meine Mutter backt einen köstlichen Topfkuchen von den Lebensmitteln, die ich „besorgt„ habe, darauf bin ich ganz besonders stolz. So kann ich auch einen wesentlichen Teil dazu beitragen, dass wir etwas mehr zu essen haben. Vielleicht, und das ist meine ganze Hoffnung, ist sie nun nicht mehr so oft böse auf mich. Onkel Bell, so heisst mein britischer Freund, ist wirklich ein Lieber und so nehme ich eines Tages seine Hand, führe ihn zu uns nach Hause und stelle meiner Mutter meinen Freund vor. Auch sie mag ihn. Nach kurzer Zeit hat sich die Verständigung zwischen den Beiden soweit entwickelt, dass er sich mit meiner Mutter in einem Englisch - Deutsch unterhalten kann. Wenn sie gar nicht zurechtkommen, spricht meine Mutter Plattdeutsch, und dann klappt es. Inwieweit er die Körpersprache meiner noch sehr jungen Mutter beherrscht, darüber mache ich mir als Kind keine Gedanken, und ich weiss auch noch nicht, dass die Eifersucht die schlimmste Sucht meines Vaters ist. Aber als mein Vater, nervlich völlig am Boden, aus der Gefangenschaft kommt, waren es keine Urwaldtrommeln, die bei uns zu Hause den Krach verursachen. Es gleicht vielmehr dem Getöse eines Vulkanausbruchs, der immer wieder Steine und Feuer in den Himmel schleudert... Diese Geschichten von "Damals" hatte Sigrid in ihrem "Hinterstübchen" abgelegt. Sie hoffte, dass in all den Jahren der Staub sie dort zudeckte und ihrer Erinnerung keinen Zugriff mehr gestattet