Die Sonnenflecken

Willi und Sigrid lagen in dem weissen, weichen Sand wie ein frisch getrautes Ehepaar in den Flitterwochen nach einem „wunderschönen, gemütlichen„ Abend. Die Septembersonne gab ihr letztes und hatte es auf ganze dreiundzwanzig Grad geschafft. Es wimmelte am Strand von Badelustigen und auf der Promenade bildeten sich regelrechte Menschentrauben, die sich langsam voranschoben. Deshalb hatten sich Willi und Sigrid nach einem kleinen Fußmarsch ein stilleres Plätzchen zwischen Westerland und Kampen ausgesucht. Hier tollten kaum Kinder herum, meistens lagen oder sassen gut verteilt, bis auf einige Ausnahmen, nur ältere Badegäste. Willi drehte sich mit einem Ruck auf die Seite und quälte sich auf den rechten Arm gesüützt hoch. Er liebte es nicht, zu lange im Sand zu liegen und schon gar nicht, wenn es windig war. Er tapste zum Strandkorb und wollte sich gerade breit machen, als Sigrid erschien. Er rückte zwar etwas, aber es war immer so, daß ihm zwei Drittel und ihr nur ein Drittel der Sitzfläche zustanden. Nun nahm Willi seine Bildzeitung, entfaltete sie zur vollen Grösse, weil er den Sportteil lesen wollte. Eingezwängt in ihrer Ecke, hielt er Sigrid die rechte Seite der Zeitung vor die Nase. „Hatzi„, sagte sie zu ihm und drückte die obere Ecke der Seite die ihr die Sicht zum Wasser versperrte, hinunter.

„Du weißt doch, daß ich mich nicht für Sport interessiere.„ „Brauchst es ja nicht zu lesen. Hole dein Buch hervor.„ „Hatzi, ich kann auch mein Buch nicht lesen, es ist mir zu dunkel hier drin, vielleicht könntest du ein paar Löcher in die Zeitung, die mich verdeckt, schneiden." Willi schaute sie an, als ob sie einen Sonnenstich hätte, aber genau das Gegenteil war der Fall. Endlich begriff er, was sie wollte. „Entschuldige, war ganz in Gedanken„, sagte Willi, halbierte die Zeitung, indem er sie einmal umschlug, so dass Sigrid den freien Blick zum Wasser endlich geniessen konnte. Mit Vergnügen beobachtete sie einige ins Wasser tippelnde und tapsende Damen in ihren wunderhübschen, teuren Bikinis, unter dem und über dem Fettwellen wulstig hervorquollen. Ein Fusskettchen hier, ein Armband dort und mindestens fünf Ringe an jeder Hand. „Wenn es mit der Figur nicht mehr so ganz klappt„, dachte Sigrid belustigt, „dann klappern die eben mit Gold (Geld). Während Willi im Strandkorb ein Nickerchen machte, beobachtete Sigrid das Strandgeschehen und dachte so bei sich: „Die arme Sonne hat auf Sylt bestimmt mehr Sonnenflecken als gewöhnlich, sie selbst vermindert ihre Sehkraft, weil sie nicht in ihrer voller Grösse herabschauen mag." Manchmal kam bei Sigrid auch der Verdacht auf, dass die Sonne sich mit ein paar Wolken zudeckte, um nicht auf die prallen, dicken Bäuche - die im Licht der Sonnenstrahlen reflektierten – welche von ein paar staksigen, dürren Beinen getragen wurden, herabsehen zu müssen.

Die Herren der Schöpfung standen vor dem Meer, liessen den großen Zeh vom Wasser umspülen, die Arme auf den von Sonnencreme glänzenden Wams verschränkt und stierten auf die wenigen schlanken, mit fast nur fünf Zentimeter Stoff bekleideten Badenixen, bis diese männlichen Wesen ein Boxerhund ähnliches Verhalten zeigten. Sie fuhren sich fortwährend mit der Hand über den Mund, weil ihnen die Spucke aus dem Mund lief. Sie sabberten wie Tasso, der Hund von Sigrids Nachbarn. Auf einmal raschelte es neben Sigrid, Willi war aufgewacht, räkelte sich und sie hörte ihn ganz wie aus der Ferne sagen: „Sag mal Häschen, hast du denn gar keinen Hunger?„ Natürlich hatte Häschen Hunger und so streifte sie schnellstens ihr ärmelloses, weisses Kleid über, während Willi in seine Jeansshort hineinschlüpfte und sein kurzärmeliges, buntes Sporthemd überzog. Hand in Hand gingen sie Richtung Promenade.