An den Rucksäcken hängt das Blechgeschirr

Im Wartezimmer der Zahnarztpraxis sassen mindestens zehn Personen mit vor Angst verzerrtem Gesichtsausdruck, als Sigrid den weissgestrichenen, schmucklosen Raum betrat. Sie setzte sich auf den letzten unbesetzten Stuhl und beobachtete die von Zahnschmerzen geplagten Leute um sich herum. „Hatten die etwa alle, so wie ich gestern abend, eine Brauseflasche mit den Zähnen aufgedreht und sich eine Blombe aus einem Zahn herausgebrochen?„ überlegte Sigrid. Aber das konnte eigentlich nicht sein, denn Schmerzen spürte sie nicht. Nervö,s rutschte Sigrid auf dem Stuhl hin und her, denn aus dem Behandlungsraum nebenan, hörte sie das Geräusch des Bohrers. Es klang so schrill und schrecklich, daß Sigrid am liebsten aufgestanden und hineingegangen wäre, um zu schauen, ob der Zahnarzt tatsächlich nur den Bohrer bediente oder ob dieser vielleicht mit einer elektrischen Kettensäge dem Patienten den Hals durchsägte. Gott sei Dank, die Tür zum Behandlungsraum öffnete sich, und der Patient kam noch lebend, aber leichenblass zum Vorschein. „Der Nächste bitte", sagte etwas mürrisch der Herrscher im weissen Kittel, und die nächste arme Seele verschwand in der Folterkammer. Sigrid wollte sich gerade eine Zeitschrift von einem kleinen Tisch, der in der Mitte des Raumes stand, nehmen, als ein Mann, ungefähr um die Vierzig, das Wartezimmer betrat.

Ein interessanter Mann, stellte Sigrid fest und überlegte, an wen er sie erinnerte. Schmales Gesicht, zynisch überlegener Gesichtsausdruck, dunkle Haare, schlanke Gestalt, der gehetzte Schritt der blitzblanken Schuhe. Sigrid setzte sich wieder auf ihren Stuhl, nahm die Zeitschrift, schaute aber nicht hinein, sondern blickte verstohlen darüber hinweg. Ein Bild, wie aus hundert Puzzleteilen, fügte sich in ihrem Kopf zusammen, und auf einmal sah sie blitzartig im Geist ihren Vater vor sich. Wie konnte der Gedanke an ihren Vater sich nur so schnell durch den Staub des Vergessens wühlen und dem "Hinterstübchen" entweichen? Jetzt fehlte nur noch das Bild ihrer Mutter, und die Erinnerungen an "Damals" hatte Sigrid deutlich vor Augen... Da steht sie, die dunklen, fast schwarzen Haare glatt nach hinten gestrichen und zu einem dicken Knoten im Nacken gebunden, in der Haustür von "Villa Birkenhain", den Blick ihrer graugrünen Augen auf mich gerichtet. Das ist ein ungewohntes Bild für mich. Hat sie heute nichts im Haushalt zu tun? Mein Schulranzen auf dem Rücken fängt an zu drücken und mein Gewissen ebenfalls. Was habe ich wieder angestellt? Ob meine Freundin Ulla mich verpetzt hatte? Nein, die hielt eigentlich immer ihr Wort. Als ich näherkomme, sehe ich das Strahlen auf dem Gesicht meiner Mutter und mir fällt ein Stein vom Herzen. "Sigrid", sagt sie ganz feierlich zu mir, "dein Vater hat aus der Gefangenschaft geschrieben, dass er morgen Abend um einundzwanzig Uhr mit dem Zug auf dem Bahnhof in Dumsdorf eintrifft. "

Wir nehmen uns ganz fest in die Arme und weinen vor Freude. Sie hat auf mich gewartet, um mit mir das Glück zu teilen. Ohne ein Widerwort gehe ich an diesem Abend ins Bett. Ich will ganz schnell einschlafen, damit die Zeit vorübereilt, bis wir Vater vom Bahnhof abholen können. In der Nacht träume ich, daß der Zug nicht am Bahnsteig hält, er mir aber seine Hand aus dem Zugfenster entgegenstreckt, die ich nicht ergreifen kann. Am nächsten Tag holt meine Mutter in der Abendzeit die Zinkbadewanne aus dem Geräteschuppen, stellt sie in unsere kleine Küche, nimmt einen großen Kochtopf mit heißen Wasser vom Kohleherd, schüttet es in die Wanne und gießt mit einem Eimer kaltes Wasser hinzu, bis es die richtige Badetemperatur erreicht. Die weissen, schmalen Küchenstühle hat sie vorher umgekippt auf den Tisch gestellt, sonst ist kein Platz für die Zinkwanne, die meine Mutter auch für die grosse Wäsche benutzt, so eng ist unsere Küche. Ja, unser Zuhause „Villa Birkenhain„ heisst nicht umsonst Behelfsheim. Ich steige als erste ins Wasser und mit selbstgemachter Kernseife schrubbt meine Mutter mich ab. Während ich mich abtrockne, badet sie im selben Wasser. Schliesslich wollen wir meinem Vater strahlend, auch vor Sauberkeit, entgegentreten. Nun sind es nur noch zwei Stunden bis zur Ankunft des Zuges, und meine Mutter richtet ein Abendbrot fü,r uns Beide her. Es gibt "Stipsbrot" (Rübensaft) und "Muckefuck". Ein Kaffee aus gerösteter Gerste, die Mutter zuvor mit der Kaffeemühle gemahlen hat. Danach kommt das Wichtigste, unsere Garderobe. Unsere Schneiderin, die zwar schon eine betagte, aber nette, ältere Dame ist, hat uns aus beigen Wolldecken, die wir von der englischen Besatzungsmacht auf Bezugsmarken bekamen, eine lange Hose, einen glockenä,hnlichen Mantel, und eine Kappe mit Bommel obendrauf, die dem des Papstes ähnelt, genäht. Beide gleich gekleidet, finden wir uns totschick. Mutter flechtet mir Zöpfe von meinen kastanienbraunen Haaren, und als Krö,nung bindet sie weisse Schleifen darum, die sie vorher glattstreift, indem sie die Schleife mit beiden Hä,nden straffzieht und ein paarmal über den Deckel des heissen Wasserkessels hin- und herstreift.

Wie ein Pfingstochse sehe ich aus, aber sie sagt, dass Papa mich bestimmt so leiden mag. Meine Mutter schaut noch einmal kurz in den Spiegel, der in der Küche hängt, denn ein Badezimmer gibt ja es nicht. Mit einem zufriedenen Lä,cheln, das ich lange nicht an ihr gesehen habe, nimmt sie mich an die Hand und wir machen uns auf den langen Weg zum Bahnhof. Die Kälte kriecht uns den Rücken rauf und runter und verfolgt uns. Meine Füsse schmerzen fürchterlich. Die Schuhe sind noch vom letzten Winter und eine Nummer zu klein. Hoffentlich ist bald Sommer, denke ich, während wir wortlos nebeneinander hertapsen, dann wird Mutter mir vorne ein Loch hineinschneiden. Im Sommer trägt man ja offene Schuhe. Meine Mutter schaut nur geradeaus. Fast haben wir die drei Kilometer bis zum Bahnhof geschafft, doch ich, durch das Schweigen nur auf meine schmerzenden Füsse konzentriert, nöle vor mich hin: "Mama, gehe bitte nicht so schnell, meine Schuhe drücken immer mehr." "Neue kann ich dir im Moment nicht besorgen. Im Frühjahr bekommen wir erst die Bezugsmarken dafür. Geh` ein bisschen schneller, die tun nur weh, wenn du langsam gehst." Ich gehe etwas schneller, aber der Schmerz bleibt. Am Bahnhof angekommen, steigen wir Treppen hinunter, durch den Tunnel, bis wir vor der Treppe zum Bahnsteig vier stehen. Die Stufen faszinieren mich, ich nehme gleich zwei auf einmal. Meine Schmerzen sind plötzlich weg. Langsam kommt meine Mutter die Treppe hoch. Wir stehen nun beide auf dem Bahnsteig und mindestens eine halbe Stunde bleibt uns noch, bis der Zug einläuft. Doch was bedeutet jetzt Zeit für uns. Zwei Jahre haben wir sehnsuchtsvoll auf diesen einen Augenblick gewartet. Ich trete von einem Bein auf das andere. Die Aufregung ist mir auf die Blase geschlagen. "Mama, ich muß mal", sage ich ganz ängstlich und schaue, ob sie ein ärgerliches Gesicht macht. Wir gehen zum Ende des Bahnsteigs, kurz um die Ecke, da die Toiletten geschlossen sind.

Dort hocke ich mich nieder und oh Schreck... "Mama, kannst du mir etwas Papier besorgen?" frage ich sie mit einem kläglichen Ton in der Stimme und denke: „Gleich fängt sie wieder an zickig zu werden„. "Ach Kind, muß denn das jetzt sein", meint sie aber nur, geht dann doch zum Papierkorb und holt Zeitungspapier für mich. Auch zu Hause nehmen wir für solche Zwecke die Zeitung. Wir gehen wieder zur Mitte des Bahnsteigs, gleich muß der Zug ankommen. Mittlerweile stehen hunderte von Frauen und Müttern mit ihren Kindern an der Hand auf dem Bahnsteig. Während die Mütter erwartungsvoll und freudig erregt mal nach rechts, mal nach links schauen, sie wissen nicht, aus welcher Richtung der Zug kommt, schreien und kreischen die Kinder vor Aufregung und Übermüdung durcheinander. In meinen, von Oma selbstgestrickten Handschuhen, stecken zwei kalte, schweißnasse Hände. Aber jetzt! Aus der Ferne hören wir das Geräusch eines herannahenden Zuges und sehen, als er näherkommt, dass die Lokomotive mit bunten Fähnchen geschmückt ist. Jetzt kommt Unruhe in die Menschenmassen. Sie winken oder halten die Kleinsten ihrer Kinder in die Höhe und kreischen hysterisch der hereinbrausenden Lokomotive entgegen. Als der Zug hält, rennen alle durcheinander, schubsen sich gegenseitig, so dass die Kinder noch lauter schreien und das Quietschen der bremsenden Räder übertönen. Meine Mutter und ich bleiben wie angewurzelt auf einem Fleck stehen. Wenn alle den Bahnsteig verlassen haben, wird unser Vater wohl noch zum Vorschein kommen.

Sie drückt ganz fest meine Hand, aber ich beklage mich nicht, sehe ich doch, wie sie mit den Tränen kämpft. Warum weinen, geht es mir durch den Kopf? Wir sollten vor Freude auf dem Bahnsteig herumhüpfen, aber das tun wir Erdenmenschen in solch einer Situation eben nicht. Ungepflegte Männer mit verkrampften Gesichtern, aber ein Leuchten in den Augen, krabbeln diszipliniert, einer nach dem anderen aus den engen Türen des Zuges und schwirren in alle Richtungen, um nach ihren Frauen Ausschau zu halten. An ihren Rucksäcken hängen ihre Überlebensutensilien: Blechteller, Blechbecher und eine Kanne aus dem gleichen Material, die hin und her baumeln und aneinanderschlagen. wie bei einer Kuhherde, die, mit bimmelnden Glocken um den Hals, zusammengetrieben wird. Der Bahnsteig hat sich geleert, bis auf einen einzelnen in einem langen, dunklen Mantel gehüllten Mann, der mit schleppenden Schritten sich ganz langsam auf uns zu bewegt. "Mama, ist das Papa?" Bevor sie antwortet, erkenne ich meinen Vater an seinen langen, schlanken Händen, die mich vor langer Zeit einmal gestreichelt hatten. "Papa", rufe, ja fast schreie ich und laufe und laufe in seine ausgebreiteten Arme.

Wir halten uns einen Augenblick voller Seligkeit umschlungen, und i ch merke wie warmes Wasser auf meinen Kopf tropft. Plötzlich macht er sich von mir frei und schlurft mit seinen durchlöcherten Lederstiefeln, der rechte musste wohl kaum noch den Fuss bedecken, denn er hat eine dicke, graue Wollsocke darüber gezogen, nur Mama ansehend, auf sie zu. Als er wortlos vor ihr steht, schlingt Mama ihre Arme um seinen Hals, und drückt so fest, dass wieder Wasser aus seinen Augen läuft. Ich hätte gern gewusst, ob sie wohl auch so glücklich ist wie ich in diesem Moment? Alle drei steigen wir ganz langsam, weil Papa nicht so schnell kann, die Treppen hinunter, durch den immer nach Pippi stinkenden Tunnel, nochmals die Treppen hoch und nun sind wir in "Papas Freiheit". Er geniesst den Weg nach Hause, obwohl er recht müde und abgespannt ist. Mama geht rechts, Papa links und ich habe endlich wieder eine Mitte... "Der nächste bitte", tönte es abermals aus dem Lautsprecher im Wartezimmer. Wie eine Schlafwandlerin stand Sigrid auf und hatte Mühe, die Gedanken an "Damals" zu verscheuchen. Warum kamen sie immer wieder ? Sie lebte doch jetzt und heute und war froh und glücklich, das alles hinter sich zu haben.