"Mein neuer Lebensabschnitt"

Im Januar 2004 hatte es mich erwischt.
Ich erlitt einen Schlaganfall.
Ich mußte neu sprechen, lesen und schreiben lernen.
Hier nun mein erster Versuch eines kleinen Gedichtes

Wortfetzen (oder verlorene Worte)

Ungewolltes Schweigen
umgibt mich in einem Tal
wo die Nebelschwaden
dunstartig die Worte verflüchtigen.

Wo WortEiszapfen mich umringen
die unerwartet unhörbar tröpfeln
die ungesprochenen Worte versiegen
in die schläfrige Endlosigkeit.

Am 24.06.04 da habe ich angefangen etwas zu schreiben.
Wieder mit
Wortfetzen oder verlorenen Worten

Dunkelgrau ist der Himmel und es ist, als ob der Tag verschlafen hat.
Die Birke auf dem Nachbarsgrundstück winkt mit den zarten Ästen zu mir
herüber. Der Wind hat den Baum zum Leben erweckt, der sonst starr und
stolz hinüber schaut. Durch das geöffnete Fenster höre ich das Rauschen
des Windes, der jetzt sogar zum Sturm aufkom

Ich sitze vor dem Bildschirm, aber es steht noch kein Wort darauf. Aber
ich wollte doch erzählen, wie es mir ergangen ist, seit dem
Schlaganfall, der mich am Mittwoch des 21.01.04 am Abend um ca. 22.45
Uhr ganz leise überfallen hat. ---------------

Wenn ich heute an diesen Tag zurück denke, überlege ich, wie sonderbar
ich mich verhalten habe. In keinem Augenblick habe ich daran gedacht,
dass eine Krankheit mir meine Sprache genommen haben könnte. Ich genoss
es, dass mein Sohn sich so lieb um mich bemühte. Nur, wie er so
behutsam mit mir sprach, dachte ich, was mag nur heute anders als sonst
sein. Der spricht zu mir, als ob ich ein Kind sei, das etwas
ausgefressen hat und er möchte mir nun ganz sachte erklären, um mich
nicht zu verletzen, was an meinem Verhalten falsch war. Aber er redete
so langsam auf mich ein, dass ich überlegte, so schlimm muss es ja wohl
doch nicht gewesen sein. Ich beobachtete ihn, während er sprach, aber
seine Worte flogen an mir vorbei. Nur seine Augen, dachte ich, gefallen
mir nicht.
Habe ich darin Angst gesehen?
Geht es ihm nicht gut?
Sollte man mir die Frage stellen, wann hast du realisiert , dass du
krank bist? Da kann ich immer nur antworten: "Das weiß ich tatsächlich
nicht."
Ich glaube aber, dass meine Krankheit dazu führte, dass ich mich im
Krankenhaus nie krank fühlte. Auch mit der Krankheit "Schlaganfall"
konnte ich nichts anfangen.------------------

Mein "ich" sagt mir: "Ich will es, ich kann es."
Meine Bettnachbarin redet unbeirrt auf mich ein und wieder zeigt sie
dabei auf "Arm" und "Band" und "Uhr". Ich wiederhole die einzelnen
Wörter, nur im Zusammenhang kann ich es noch immer nicht nachsprechen.
Sie spricht mir ganz langsam, deutlich und laut "Armbanduhr" vor.
Da muss noch ein zweites "ich" sein, das dazwischen redet und mir sagt:
"Du kannst das Wort "Armbanduhr" nicht sagen" und während ich das Wort
mit meinen Ohren aufnehme, fällt es in ein Loch in meinem Gehirn und es
bleibt dort in einer "Zwischenablage" hängen.

Irgendwann in den ersten drei Tagen muss ein Arzt bei mir ein CT vom
Kopf gemacht haben, aber ich kann mich nicht mehr erinnern. Sollte bei
der Visite darüber gesprochen worden sein, dann sind die Sätze von den
Ärzten an mir vorüber gegangen. Mich interessiert das alles nicht. Ich
bin hier im Krankenhaus und die werden bestimmt für mich denken. Ich bin
ganz zufrieden mit mir, fast könnte ich sagen, ich bin seit langem
endlich mal richtig glücklich. Mein Gehirn verbietet mir, über Sorgen
und Ängste nachzudenken.-------------

Ohne mir Gedanken darüber zu machen, ob ich schreiben kann oder nicht,
will ich aufschreiben, was ich im Augenblick empfinde. Zuhause schreibe
ich auch Geschichten und Gedichte, warum kann ich es nicht jetzt schaffen.
Ich nehme meinen Schreibblock auf die Knie, nehme meinen Bleistift und
überlege, wie ich den ersten Satz formuliere. Jetzt muss ich mich
konzentrieren, aber gleichzeitig muss ich mich entspannen. Das klappt zu
Hause vor dem Computer sonst immer.
Wie lange ich daran geschrieben habe, weiß ich nicht, nur als ich mein
"Glanzstück" fertig gestellt habe, staune ich, was ich aus meinem Gehirn
geschüttet habe.
Hier gebe ich es weiter, als Original, nicht verbessert.

"Worte, selbstverständlich
kommst du aus dem
Mund herausgequollen
Sehr klar, verständlich

Worte, unbekannt,
unbekanntes Worte
es sind plötzlich
spei aus der Kehle.

Worte, bitter Galle aufgespaltes
bitter Galle, Silbe und Silbe
und Silbe verätzend,
selbstverständendlich zerstörte Worte.

Als am Nachmittag meine Tochter mich besucht, zeige ich ihr stolz mein
Geschreibsel. Vor lauter Aufregung spreche ich nur wirres Zeug.
Gern hätte ich ihr erklärt, was ich mit dem Gedicht aussagen möchte.
Zum Beispiel:
Dass jeder es als selbstverständlich ansieht, dass Worte klar und
verständlich vernehmbar sind. Aber jetzt kommen nur unbekannte Worte aus
meiner Kehle, obwohl ich mir große Mühe gebe. Mir ist übel dabei und ich
möchte am liebsten auf den Schreibblock speien.
Jedes Wort, das ich zerstöre, zerspalte, weil es falsch aus meinem Mund
herauskommt, kommt mir wie bittere Galle hoch und verätzt meine Kehle,
tut mir weh, verletzt mich.
In diesem Moment denke ich, dass ich mein Selbstwertgefühl verloren
habe. Wie soll ich ohne richtige Worte meine Gefühle aussprechen, meinen
Zorn herausschreien, meine Ungeduld, auch dass ich meine Familie gern
habe und vor allem ein Danke sagen möchte.------------


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