Sigrid hängt "Hausarbeitsanzug" an den Nagel

Kurz nach neunzehn Uhr, Sigrid sauste geschäftig in der Küche herum, putzte Gemüse, schälte Kartoffeln, lag ihr geliebter Hatzi lang ausgestreckt auf dem Sofa und rief vorwurfsvoll mit seiner lauten Stimme: "Was machst du denn jetzt noch in der Küche?" "Ich koche für morgen eine Gemüsesuppe", schrie Sigrid um die Ecke, weil der Fernseher so laut war. "Wieso, hast du morgen was vor?" "Morgen früh um acht Uhr fahre ich zu euch ins B¨ro und helfe Herrn Istamlängstenhier bei der Arbeit", klärte Sigrid ihn mit kräftiger Stimme noch einmal auf und zog unwirsch die Augenbrauen hoch. „Immer, wenn er nicht richtig hinhört oder, wenn er irgend etwas nicht wahr haben will, tut er so naiv„, dachte sie erbost und schlug mit der Hand nach einer Fliege, die sich beinahe auf ihre Nase gesetzt hätte. Sigrid war fürchterlich gereizt, es peinigte sie der Gedanke, ihr so klug eingefädelter Plan könne im letzten Augenblick am Widerstand ihres in dieser Frage ach so verbohrten Göttergatten scheitern. Er mochte nämlich nicht, wenn seine Frau mit ihm auf einer Stufe stand oder vielleicht sogar noch eine Stufe höher war als er. Am liebsten sah er sie am Herd stehen. Das Kartoffelschälmesser in der Hand, Richtung Wohnzimmer den Arm drohend ausgestreckt, stand Sigrid regungslos da und wartete auf weitere Widerworte ihres Mannes. "Ist doch Quatsch", tö,nte es aus dem Wohnzimmer zurück.

War das sein ganzer Kommentar? Sie wartete gespannt. Nichts! Der Familienvorstand schwieg. „Nun, wenn Willi es so sieht - auch gut!„ atmete Sigrid erleichtert auf und wandte sich voll Befriedigung erneut ihrer Kochkunst zu. Der folgende Tag war ein Mittwoch. Die Sonne stand noch schräg, aber schon strahlend am Himmel und Sigrid frisch gewaschen, mit sorgfältig gekämmten Haaren vor Herrn „Ist-am-längsten-hier„. Ihre dunkelbraunen, kurzen Haare sassen eigentlich immer. Sie hatte leichte Naturwellen, daher vergass sie manchmal das Kämmen, bevor sie zum Einkaufen ging. Doch heute musste alles an ihr stimmen. Sogar in die neuen dunkelbraunen Pumps hatte sie ihre Füsse reingezwängt, passten sie doch am besten zu dem kakaofarbenen Wildlederkostüm, das sie für diesen wichtigen Tag auswählte. Durch die hohen Absätze wirkte sie ein Stückchen grösser, denn sie war nur einssechzig und Sigrid wollte nicht an ihrem Kollegen hochschauen müssen. Das war sie schliesslich ihrem Selbstbewusstsein schuldig. Pünktlich um acht Uhr war Sigrid am Schreibtisch ihres holden Gatten vorbeigehuscht, hatte nur ganz kurz gegrüsst, denn sie wollte ihn nicht unbedingt auf sich aufmerksam machen. Er nahm sowieso keine Notiz von ihr, er telefonierte so laut, dass man annehmen konnte, zehn Kühe würden ihren Hunger auf einer vertrockneten Weide hinausbrüllen. Frohgemut begrüsste Sigrid Herrn Istamlängstenhier und liess ihren ganzen Charme spielen, um seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. „Wie versprochen bin ich hier, um Ihnen behilflich zu sein?„ Ganz verblüfft schaute er sie an und gab nur ein „Ach ja!„ von sich.

Endlich nahm er einen Stapel Akten aus dem Regal und erklärte ihr den Vorgang in kurzen Sätzen. Voll konzentriert stand Sigrid neben dem wohlgeordneten Schreibtisch des Herrn Istamlängstenhier. „Wenn Sie nicht weiter wissen, fragen Sie mich.„ Er drückte ihr die verstaubten Akten unter den Arm und widmete sich wieder seiner Arbeit zu, ohne sie weiter zu beachten. „Ob der immer so muffelig ist? Naja, soll mir auch egal sein, schliesslich möchte ich hier nur arbeiten. Vielleicht taut dieser Eisbrocken eines Tage auf und man kann auch mal ein paar Sätze mit ihm reden„, dachte Sigrid, nahm an dem unbesetzten Schreibtisch , des krankgeschriebenen Expedienten Platz und kämpfte verbissen mit ihren grauen Zellen, die nach jahrelangem Hausfrauendasein verrostet schienen. In diesem Moment war ihr, als ob sie monatelang im Bett gelegen hätte, und plötzlich aufstehen mußte, aber nicht gehen konnte, weil sie an Muskelschwund litt. Doch Sigrid wollte es schaffen, auch wenn sie am Anfang ihren Kollegen als Krücke benutzen musste. Schon nach ein paar Stunden stellte sie erfreut und mit sich zufrieden fest, sie konnte wieder ohne Krücken laufen. Während Sigrid am Schreibtisch sass, sich über ihre Arbeit beugte, verloren sich ihre Gedanken... Achtundzwanzig Jahre oder dreihundertsechsunddreissig Monate oder ....... Tage (in Tagen wollte sie es erst gar nicht anführen, hörte sich zu sehr nach Knast an) hatte sie sich nur der Kindererziehung gewidmet, sich mit Staubsauger, Spinnweben, schmutziger Wäsche herumgeschlagen. Langsam, wie schleichendes Gift, hatte sich dabei in ihr das Gefühl eingenistet, sie würde bald zu Hause verblöden, verdummen, ausserhalb des eigentlichen Lebens stehen, während ihr Mann beruflich Erfolg hatte, Menschen kennenlernte, Kontakte knüpfte. Natürlich, ihrem Willi hatte es gefallen, verwöhnt zu werden, und fü,r die Kinder war es gut, dass die Mutter Zeit hatte, sich ihre Sorgen anzuhören.

Doch sie waren inzwischen erwachsen und relativ selbständig und brauchten nicht jede Minute ihre Mutter. Und ihr Willi? Was hätte er ihr womöglich eines Tages eröffnet? „Tut mir leid, Schatz, aber ich habe mich in eine Jüngere verliebt.„ So nicht! Nicht mit ihr! Jetzt war Sigrid glücklich: Ihre Tätigkeit befriedigte sie; sie wurde gefordert, stand wieder mitten im Leben und sogar ihr Mann akzeptierte sie schliesslich als vollwertige Bürokraft. So fuhr sie nun jeden Morgen voller Begeisterung ins Büro, telefonierte mit Kunden, notierte deren Bestellungen, arbeitete am Computer nach dem Motto: Man wird alt wie keine Kuh und lernt immer noch dazu!! Und auch die Herren sind zufrieden: Wo gibt es denn das noch, dass man ihnen die Brille putzt, Kaffee kocht und Verlegtes für sie wiederfindet Sigrid seufzte und konzentrierte sich wieder auf ihre Akten.