Ding - Dong -- Wer steht da vor der Tür

Sigrid hatte wahrhaftig nicht gelogen. Dreimal hatte Oma Frieda sie am Nachmittag mit ihrem Besuch beehrt. Sigrid befand sich zu der Zeit im Wäschezimmer, damit beschäftigt, die Wäsche aufzuhängen, als es zweimal klingelte. Mit erhobenen Händen wühlte sie sich seufzend durch die schon auf der Leine hängenden Hosen und Strümpfe hindurch, ging öffnen und versuchte krampfhaft ihrem Gesicht ein Lächeln zu verleihen. „Ach, du bist es„, sagte Sigrid immer überrascht beim Öffnen der Haustür, obwohl sie genau wusste, was sie hinter der Tür erwartete. „Ding dong, ding, dong„, so energisch und gleich zweimal, das war typisch ihre Schwiegermutter! „Ich will nicht lange stören„, meinte Oma Frieda jedesmal, „aber was ich dir noch sagen wollte...„ Geduldig blieb Sigrid mit ihr auf dem Flur stehen, weil Oma Frieda „nicht ganz„ hereinkommen wollte und hörte sich die „Dorfgeschichten„ an. „Ob meine Wäsche sich in der Zwischenzeit wohl allein aufhängt ( oder irgendwann ich mich?)„ diesen einzigen Gedanken konnte Sigrid sich erlauben, sonst musste sie aufpassen, dass sie nicht an der falschen Stelle zustimmte, wo sie lieber hätte verneinen sollen.

Es erforderte vollste Konzentration, diesem Redeschwall mit Frage und Antwort richtig zu begegnen. Irgendwann musste Sigrid wohl falsch geantwortet haben, denn plötzlich hatte Oma Frieda den Faden verloren und ging. Sigrid raste wieder ins Wäschezimmer zurück, klammerte die restliche Wäsche an die Leine, und stopfte im Eiltempo noch einmal die Waschmaschine mit schmutzigen Handtüchern voll, sch^üttete Waschpulver in das dafür vorgegebene Fach und drückte auf den Startknopf. Bevor Sigrid sich zum Einkaufen rüstete, suchte sie nach einem Zettel und einem Bleistift und begab sich auf die Toilette, um dort gleichzeitig in Ruhe aufzuschreiben, was sie zum Abendbrot benötigte und für das Vorkochen des Mittagessens für den nächsten Tag. So ergab sich kein Zeitverlust, denn jede Minute eines Tages war bei Sigrid verplant. Gänzlich unvorbereitet, vermischte sich mit dem Rauschen des Wasserfalls ein „ Ding dong, ding dong„. Das war doch langsam der Gipfel, nicht einmal in Ruhe konnte Sigrid auf die Toilette gehen. „Oma Frieda war doch eben erst da, was soll denn das nun schon wieder.„ Ohne darauf zu achten, ob die Blase völlig entleert war, denn sonst machte es gleich wieder „ding dong, ding dong„, ging Sigrid mit der noch nicht zugeknöpften Hose zur Tür und öffnete. Oma Friedas rechter, ausgestreckter Arm und den auf Sigrid gerichteten Zeigefinger, sagten ihr alles, und Oma Frieda den Rest: „Jetzt ist es mir wieder eingefallen, was ich dir noch sagen wollte...„ Ganz langsam schloß Sigrid Knopf für Knopf an ihrer Hose und Oma Frieda erzählte und erzählte, während Sigrid auffällig zur Uhr schaute. „Hast es eilig„, fragte sie unschuldsvoll, als sie merkte, daß Sigrid nervös wurde. „Nein, ja„, verschönte Sigrid die Situation, „ich muß nur noch schnell einkaufen, gleich machen die Geschäfte zu.„ „Na, dann geh ich man wieder.„ Sigrid entschwand so schnell sie konnte, liess sich in ihren „kleinen Blauen„ plumpsen und gab Gas, denn es war nicht gesagt, dass das Oma Friedas letzter Satz gewesen war.

Nach dem Einkaufen legte Sigrid die Esswaren in den Kühlschrank, überlegte, während sie jedes Fach einzeln in Augenschein nahm, ob sie auch an alles gedacht hatte, dann erst zog sie ihren Mantel aus. Das war eine Taktik von Sigrid, sie könnte ja etwas vergessen oder liegengelassen haben. Als sie ihren Mantel auf den Bügel an der Flurgarderobe hängte, schrillte das Telefon aus dem Wohnzimmer. Es war Hella, ihre beste Freundin, die, nicht so ganz glücklich in ihrer Beziehung, bei Sigrid Luft ablassen, und sich Rat holen wollte. Im spannendsten Teil von Hellas Erzählung, klingelte es an der Haustür. Sigrid lauschte! Diesmal nur einmal! Ein langgezogenes „Diiing, Dooong„! „Hella, ich rufe nach dem Abendbrot zurück, da habe ich mehr Ruhe, es klingelt gerade.„ Nichtsahnend ging Sigrid öffnen und wer stand da? Dreimal dürfen Sie raten, liebe Leser! Oma Frieda hatte Sigrid doch tatsächlich herein- und Sigrid leider schon den Hörer aufgelegt. „...und was ich dir noch sagen wollte...„