Der ganze Clan ist adelig

„Du bist ein seelenloser Egoist", beschimpfte sich Sigrid innerlich selber und atmete einmal tief durch. Mir, die ich schon wieder gedanklich Urlaubsglück genoss, war gar nicht in den Sinn gekommen, dass für andere Menschen diese Freuden unerreichbar waren. „Willi, kannst du dir vorstellen, dass es tatsächlich noch Menschen gibt, die niemals einen Urlaub planen, geschweige denn machen können?" Sigrid kam nicht darüber hinweg. Was haben wir es doch gut fand sie, dem Schicksal dankbar, denn Willi und sie hatten bereits den nächsten Urlaub gebucht und freuten sich riesig darauf, wieder einmal nur für sich allein zu sein. „Aber ist es nicht wirklich egoistisch von mir," überlegte Sigrid schuldbewusst, „dass ich schon wieder mit meinem Mann ganz allein in den Urlaub fahren will? Dann lasse ich doch tatsächlich schon wieder unseren Dackel „Pitti", unseren kleinen, zwanzigjährigen Sohn Alex (wohnt oben bei uns im Haus), unsere vom Haushalt und Familie gestresste Tochter Miriam nebst Mann und zwei Kindern (wohnen rechts von uns in ihrem Haus), und meine Schwiegermutter Frieda, Witwe seit zwei Jahren (wohnt links von uns in ihrem Haus), ganz alleine." Sigrid versuchte ihr Gewissen zu beruhigen. „Je mehr ich mir darüber Sorgen mache", kam sie zu dem Schluss, „kommen alle ohne mich gut aus." Den Hund versorgte der Sohn.

Der Sohn würde von seiner Freundin nicht unbedingt versorgt, aber umsorgt. In Notfällen kann man schliesslich auch von Luft und Liebe leben und die Tochter hatte genug mit Mann und Kindern zu tun. Oma Frieda, die Schwiegermutter, war dauernd unterwegs, wenn sie nicht gerade bei uns klingelte. Da das ziemlich oft geschah, werde ich ihr den Vorschlag machen, von uns aus gesehen, dann rechts (bei ihrer Grosstochter) zu klingeln. Seit dem späten Nachmittag goss es in Strömen und der Wind peitschte den Regen an das große Fenster der Terrassentür. Sigrid sass ganz entspannt in ihrem Sessel im Wohnzimmer und las in einem Taschenbuch, für sie ein seltenes Vergnügen. Es war gleich zwanzig Uhr, als sie plötzlich hochschreckte. Jemand knallte kraftvoll die Haustür hinter sich zu. „Guten Abend, Hatzi! War das ein Tag! Bin ich kaputt", rief Willi von der Diele aus durch die offenstehende Wohnzimmertür. "Ich schließlich auch", dachte Sigrid, denn sie sass noch keine zehn Minuten im Sessel, als ihr Mann nach Hause kam und so tat, als ob die Arbeit nur für Männer erfunden sei.

Meistens war es umgekehrt, die Frauen schufteten von morgens bis abends nur für die Familie und erhielten nicht ein Dankeschön. Noch ganz gestresst von seiner Arbeit eilte Willi ins Wohnzimmer. „Entschuldige Häschen, hab ganz vergessen dir einen guten Abend zu wünschen!" Er breitete seine kräftigen Arme aus, umschlang Sigrid schwungvoll, gab ihr einen Kuss und ohne Luft zu holen, stellte er gleich mehrere Fragen, während Sigrid gelassen ihre Brille von der Nase nahm, deren zartes Gestell unter Willis Umarmung stark gelitten hatte. Vorsichtig bog sie den Bügel ihrer Brille wieder in die richtige Form. „War noch etwas Besonderes? Keine Post da? Wo ist der Junge?" Er meinte Alex, von oben. "Was machen die Kinder?" Hier war die komplette Familie ihrer Tochter gemeint (von drüben rechts). „War Oma Frieda heute schon einmal hier?„ (Oma Frieda, seine Mutter, von drüben links). Der ganze Clan war adelig. Einer „von" oben, einer „von" links und die anderen „von" rechts. „Ja Hatzi", beantwortete Sigrid seine letzte Frage, „Oma Frieda war heute nicht einmal, sondern dreimal bei mir, wegen nichts und wieder nichts. Das vorletzte Mal gegen achtzehn Uhr und ich musste ihr zuhören, obwohl ich es fürchterlich eilig hatte, ich musste doch einkaufen, bevor die Geschäfte schliessen." „Naja, dann ist es gut wenn sie hier war, ich habe wirklich keine Lust mehr nach „drüben" zu gehen. Im Stillen wusste er genau, dass seine Mutter erwartete, dass er täglich vorbeischaute.